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Interview mit Annette Graf

Hochbegabte Mitarbeitende: Potenziale identifizieren, Talente stärken!

Steckbrief:

Annette Graf ist ein wertvolles Mitglied des Hypatia-Teams und die ehemalige Inhaberin von "ElementumFreiburg", einer unabhängigen Beratungsstelle in Freiburg. Sie ist systemische Beraterin (DGSF), Coach, Erwachsenenbildnerin und begabungspsychologische Beraterin (DZBF) mit einer Lizenz für die trainingsgestützte Osnabrücker Potentialanalyse (TOP). Ihre Arbeit fokussiert sich auf die Unterstützung von Hochbegabten sowie Normalbegabten. Sie bietet standardisierte Intelligenzdiagnostik, Potentialanalysen und systemische Beratung an. Aktuell erreicht man sie in Hannover.

Inhaltsverzeichnis

1. Identifizierung

Frage: Wie kann ein Arbeitgeber einen Hochbegabten erkennen? Wie unterscheidet sich der Hochbegabte vom Normalbegabten?

Antwort: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt einige Beschreibungsmöglichkeiten, aber es gibt keine universelle Beschreibung, die auf alle Hochbegabten zutrifft. Vielmehr kommt es auf die jeweilige Persönlichkeit an und wie diese sich im Zusammenhang mit der Hochbegabung zeigt. Ich kenne viele Hochbegabte – sowohl Studierende als auch Berufstätige –, die unbedingt vermeiden möchten, dass ihre Begabung nach außen sichtbar wird. Wenn Hochbegabte sich verstecken und unauffällig sein wollen, dann schreiben sie beispielsweise nicht die bestmöglichen Arbeitszeugnisse für sich selbst, sondern vielleicht eine Stufe darunter: Sie werten sich selbst subtil ab.

Dennoch lassen sich einige Merkmale benennen:

  • Hochbegabte mögen es beispielsweise, unabhängig mit eigenen Ideen und Projekten zu arbeiten.
  • Sie sind von Natur aus sehr wissbegierig. Wenn man sie mit einer neuen Aufgabe oder einem neuen Thema beauftragt, dann kann man beobachten, wie ihre Augen aufblitzen, ihre Ohren noch aufmerksamer werden und vielleicht schon einige sehr detaillierte Fragen stellen. Hochbegabte möchten sich in ihrem Thema gut auskennen.
  • Zudem erkennt man sie an der Schnelligkeit der Auffassungsgabe und der Informationsverarbeitung. Hochbegabte Erwachsene können oft schnell zwischen Themen wechseln, sogenanntes Themenhopping. Selbst wenn sie beim 17. Thema angekommen sind, haben sie keine Schwierigkeiten, sofort wieder beim 1. Thema anzudocken.
  • Sie haben mitunter eine sehr schnelle oder eine besonders langsame Arbeitsweise. Letztere ist dann manchmal gegeben, wenn sie das Persönlichkeitsmerkmal der Ordentlichkeit, der Gründlichkeit, der Sorgfalt und des Perfektionismus in sich tragen. Sie würden niemals eine Arbeit abgeben, von der sie sich nicht sicher sind, dass sie zu 100 % stimmt. Dies kann beim Arbeitgeber Zweifel aufkommen lassen: „Habe ich da wirklich einen kompetenten Mitarbeiter?“
  • Ein anderes Beispiel für einen hochbegabten Typus ist die sehr extrovertierte Person mit hoher emotionaler Intelligenz. Diese Person scheut sich nicht, im Rampenlicht zu stehen, nach vorne zu gehen und Ideen auf den Weg zu bringen. Man würde bemerken, dass sie viele Ideen generiert, sie aber nicht unbedingt vermag umzusetzen, weil die notwendigen Schritte nicht allein durchgeführt werden können.

2. Persönlichkeitsmerkmale

Frage: Du arbeitest mit der Persönlichkeitstestung und Potenzialanalyse - der TOP-Analyse gemäß der PSI-Theorie von Prof. Dr. Julius Kuhl. Kannst du bereits in den Ergebnissen einer TOP-Analyse erste Anzeichen für eine mögliche Hochbegabung identifizieren?

Antwort: Ja, darüber ließe sich jetzt viele Stunden sprechen. Die TOP-Analyse ermöglicht eine umfassende Betrachtung der Persönlichkeit und kann verschiedene Merkmale aufzeigen, die auf eine Hochbegabung schließen lassen.

Die verschiedenen Indikatoren sind bei jedem Persönlichkeitstypus unterschiedlich stark ausgebildet, können aber zusammengesetzt das Puzzlebild eines möglichen hochbegabten Menschen ergeben. Nehmen wir beispielsweise den Indikator ‚Selbststeuerung‘. Damit ist das Folgende gemeint:

  • Wie kann sich jemand motivieren?
  • Kann eine Person Absichten bilden und umsetzen?
  • Wie initiativ ist eine Persönlichkeit?
  • Wieviel Selbstberuhigung, Selbstmotivierung und Selbstbestimmung zeigt diese Persönlichkeit?

Aus verschiedenen Studien wissen wir inzwischen, dass hochbegabte Menschen eine ausgeprägte Selbststeuerung haben, was ihnen hilft, Herausforderungen besser zu bewältigen. Hierdurch kann eine hochbegabte Person, Niederlagen besser kompensieren und eine resiliente Haltung einnehmen: „Ich finde eine Lösung; ich entwickle eine Strategie; ich setze mir ein neues Ziel!“

Gleichwohl gibt es natürlich auch bei hochbegabten Menschen diejenigen, die anfälliger für Depressionen oder Burnout sind. Nicht nur die jeweilige Persönlichkeitsstruktur des Hochbegabten ist daher ein einflussreicher Faktor bei dessen Selbststeuerung und Talententfaltung, sondern auch die psychische Gesundheit. Diese ist für Hochbegabte genauso bestimmend, wie für einen Menschen mit einem durchschnittlichen IQ.

Betrachtet man den Indikator ‚Selbststeuerung‘ in Zusammenhang mit einer angeschlagenen psychischen Gesundheit, dann zeigt sich eben, dass Hochbegabte resilienter sind und ungünstige Bedingungen zu Lebensbeginn besser verarbeiten. Es gelingt ihnen in der Regel auch überdurchschnittlich gut, aus dem, was ihnen widerfahren ist, eine Sinnhaftigkeit zu entwickeln. Sie fragen vielleicht eher nach dem, was möglich ist, und nicht nach dem, was nicht geklappt hat. Manche Hochbegabte sind sich ihrer Resilienz bewusst und nehmen die schwierigen Herausforderungen als Antrieb, nach vorne zu gehen und das Problem zu lösen.

Insgesamt kann die TOP-Analyse wertvolle Hinweise auf potenzielle Hochbegabung geben, indem sie die verschiedenen Facetten der Persönlichkeit und deren Wechselwirkungen betrachtet.

3. Förderung

Frage: Falls es dem Arbeitgeber nun gelungen ist, einen Mitarbeiter als hochbegabt zu identifizieren – was würdest du ihm zur Förderung raten? Wie kann er dafür sorgen, dass diese Person zufrieden zur Höchstform aufläuft und einen wertvollen Beitrag leistet?

Antwort: Das Wichtigste wäre, eine gewisse Grundkenntnis über Hochbegabung zu haben und es als ganz normales, menschliches Merkmal anzusehen. Ein guter Start ist es, mit dem hochbegabten Mitarbeiter ins Gespräch zu gehen und Fragen zu stellen:

  • „Hilf mir, dich zu verstehen. Erzähle mir über dich, dein Tun und wie du tickst.“
  • „Was liebst du an deiner Arbeit?“
  • „Was spornt dich an?“
  • „Was gibt dir Kraft?“
  • „Wie motivierst du dich?“
  • „Wie entsteht in dir das Flow-Erlebnis?“
  • „Was geht gar nicht und stört dich?“
  • „Gibt’s ein Traumprojekt, das du gerne umsetzen würdest?“
  • „Arbeitest du lieber solo, im kleinen Team oder in der großen Runde?“
  • „Brauchst du eher den Wettbewerb und die Konkurrenzsituation, um sehr wirksam zu werden, oder bevorzugst du es, ein Thema gründlich allein zu bearbeiten?“

Bei den vielen Hochbegabten, die ich in meiner Praxis sehe, geht es oft darum, einen vertrauten Raum für sie zu schaffen, in dem sie erzählen können, wie sie in der Arbeitswelt ticken und diese wahrnehmen. In der Selbstreflexion staunen viele darüber, was sie bereits erreicht haben, können dies oft nicht glauben oder sie denken, das sei alles nur Zufall und pures Glück gewesen. Sie sehen oft nicht den stringenten Weg, den sie verfolgt haben.

4. Imposter-Syndrom

Frage: Wie sieht es eigentlich mit dem Imposter-Syndrom bei Hochbegabten aus?

Antwort: Bei Hochbegabten, vor allem bei Frauen, erlebe ich sehr häufig, dass sie denken, alles sei nur dem Zufall zu verdanken. Ich spiegle ihnen dann bestimmte Merkmale zurück. Beispielsweise zeige ich ihnen auf, dass wir im Gespräch in einer extremen Tiefe und mit hoher Geschwindigkeit miteinander kommunizieren. Ich verweise sie auf die besondere Tiefe ihrer Gefühlsebene, auf ihren Ehrgeiz oder auf ihre außerordentliche Anstrengungsbereitschaft und Leistungsfreude. Im gemeinsamen Gespräch und durch diese Spiegelung können sie ihre Leistungen besser einordnen und akzeptieren. So wächst allmählich die Sicherheit in der Selbstwahrnehmung.

Der Vergleich mit anderen spielt für die meisten dabei keine Rolle. Stattdessen hinterfragen sie ständig, ob es reicht und ob das, was sie tun, genug ist. Häufig ist dennoch der ehrgeizige Wunsch da, im eigenen Thema und im Job noch besser zu werden. Ich erlebe es bei Hochbegabten weniger oft, dass sie darüber nachdenken, wie sie in der Hierarchie weiter nach oben klettern können. Sie wollen einfach Spaß an ihrem Thema und ihrer Tätigkeit haben und es noch besser machen. Sie stehen weniger im Konkurrenzkampf mit anderen als mit sich selbst oder ihrem Thema.

Oft beschreiben mir Hochbegabte ihre Ideen für das Unternehmen, in dem sie arbeiten, und welche Maßnahmen es erfolgreicher machen könnten. Sie haben sehr innovative Visionen, trauen sich aber häufig nicht, diese vorzustellen, weil sie an der Qualität und Relevanz ihrer Idee zweifeln - ob sie gut, ausgereift, hilfreich und erwünscht ist. Manche haben Angst, sie könnten doch falsch liegen, weil sie meist auch die Schwächen ihrer Ideen schon im Kopf durchdacht haben. Andere wiederum teilen ihre Ideen aus Angst vor Repressalien nicht mit. Wenn man Verbesserungsvorschläge macht, kritisiert man ja automatisch auch etwas. Im eigenen inneren Dialog fragen sie sich dann: „Wie kann es sein, dass ich etwas weiß oder verstehe, mein Chef aber nicht? Warum ist der Chef da noch nicht selbst darauf gekommen?“

Für den Arbeitgeber ist es daher interessant, die hochbegabte Person zu identifizieren, neugierig zu sein, ihr einen Raum für ihre Ideen zu geben und diese nicht als bedrohlich wahrzunehmen. Stattdessen sollte man sie dazu einzuladen, sich zu äußern, und sie in ihrem Selbstvertrauen stärken.

5. Zukunftsprognosen

Frage: Bei den Hochbegabten, die ich kennenlernen durfte, hat mich immer wieder verblüfft, dass sie aus wenig Information bereits sehr schnell zehn mögliche zukünftige Denkwelten entwickeln können. Sie scheinen ziemlich gut Prognosen für die Zukunft treffen zu können – also ganz ohne vermeintlich hellseherische Fähigkeiten. Diese Fähigkeit, sachlich in die Zukunft blicken zu können, ist doch eigentlich sehr wertvoll für eine Organisation. Wie siehst du das?

Antwort: In der Tat berichten mir Klienten von solchen Erlebnissen. Selbst habe ich es auch schon erlebt. Ja, das stimmt! Manche Hochbegabte können die Informationen, die sie aufschnappen, beobachten oder im Detail erlernt haben, als verschiedene Komponenten sehr gut zusammensetzen. Sie betrachten Entwicklungen – im gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Bereich – und überlegen, wohin sie führen könnten, wohin sie sich mit hoher Wahrscheinlichkeit und logischerweise zuspitzen werden. Sie können gut mit Wahrscheinlichkeiten umgehen und daraus Hypothesen bilden.

6. Hochbegabte Frauen

Frage: Du gibst immer wieder zu bedenken, dass die Auslebung einer Hochbegabung von den spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen abhängt. Gibt es diesbezüglich auch einen signifikanten Unterschied zwischen hochbegabten Frauen und Männern?

Antwort: Den gibt es tatsächlich. Vermutlich hat das nicht nur kulturelle Ursachen. Mädchen sind von Geburt an neuronal reifer und in ihrer frühen Entwicklung etwa anderthalb Jahre den Jungs voraus. Sie beschäftigen sich früh mit Kompetenzen des Lebens oder der Fürsorge. Oft werden ihre Talente erst spät entdeckt, weil sie in der Regel eine höhere Anpassungsfähigkeit entwickeln und emotional sowie sozial besser agieren – selbst, wenn sie sich langweilen. Damit fallen sie weniger auf und werden seltener getestet.

Natürlich sprechen wir hier über Stereotypen. Dennoch sollte man mit Aussagen über geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Hochbegabung vorsichtig sein. Aktuell werden nur etwa 50 % der Hochbegabten identifiziert, davon sind 75 % Jungs. Die Verteilung ist also derzeit noch geschlechtsabhängig, und die Identifizierung gelingt bei männlichen Personen deutlich häufiger. Das bedeutet, dass junge Mädchen und Frauen oft nicht als hochbegabt erkannt werden. Ich vermute jedoch, dass es – betrachtet man die generelle Verteilung in der Bevölkerung – eigentlich nicht sein kann, dass es weniger weibliche als männliche Hochbegabte gibt. Mit dem aktuellen Forschungsstand kann man strikt genommen nicht sagen, dass es mehr männliche als weibliche Hochbegabte gibt, sondern nur, dass mehr männliche als weibliche Hochbegabte identifiziert werden.

7. Unauffällige Hochbegabte

Frage: Warum fallen viele Hochbegabte, insbesondere weibliche, gar nicht erst auf?

Antwort: Viele Hochbegabte haben Interessensgebiete, die in der Gesellschaft nicht primär mit Hochbegabung in Verbindung gebracht wird. Manche halten es für ein Zeichen, wenn ein Kind mit 3,5 Jahren seinen Namen schreibt oder alle Dinosaurier-Typen und Automarken kennt. Das ist natürlich Quatsch! Ein Normalbegabter, der die Bundesliga rauf und runter kennt, wird ja auch nicht als hochbegabt gesehen, sondern als sehr lernmotiviert für dieses spezielle Interessensgebiet. Leidenschaft treibt uns an, Wissen aufzunehmen, und macht auch Normalbegabte zu Experten. Dies kann bereits bei einem Kind der Fall sein. Die Identifizierung der Hochbegabung ist somit komplexer als alle Automarken zu kennen – nicht zuletzt deshalb, weil sich die Begabung auch oft in nicht klischeebehafteten Bereichen versteckt.

Die hochbegabte Mitarbeiterin, die nicht als solches ins Auge sticht, kann sich beispielsweise folgendermaßen verhalten:

  • Sie könnte die total fleißige Assistentin der Geschäftsführung sein, die den Kalender für das nächste Vierteljahr komplett im Griff hat, weiß, was alles zu tun ist, wie das vorzubereiten ist und warum sich hier und da ein Termin überschneidet oder nicht funktioniert. Vielleicht weist sie auf Entwicklungen hin oder fragt hochmotiviert nach Schulungen. Wahrscheinlich kennt sie den Chef besser als er oder sie sich selbst.
  • Sie könnte aber auch die Kreativdirektorin sein, die noch mal eine ganz neue Idee hat, ein Projekt umzusetzen. Vielleicht ist sie sehr, sehr zielstrebig, sehr engagiert, sehr tough, hat ein hohes Energielevel, eine starke Analysefähigkeit und kann Informationen und Details schnell verarbeiten.

Wir haben beim Thema Hochbegabung oft bestimmte Stereotype im Kopf: den hochbegabten ITler – einen Nerd mit Spezialwissen, halb autistisch – oder den Ingenieur im Maschinenbau, den Wirtschaftsinformatiker, den Datenanalyst – das sind die Klassiker der IQ-Klischees. Es gibt genauso die hochbegabte Frau (oder den hochbegabten Mann) im künstlerischen Bereich. Auch in der Wissenschaft haben wir Professoren, die nicht zufällig dort gelandet sind. In diversen Wissenschaften müssen beispielsweise hohe Datenmengen gesammelt, verarbeitet und memorisiert werden. Denken wir darüber hinaus noch an die Musiker*innen, also an musikalische Intelligenz, oder an so was, was Du machst: nämlich philosophische Gedankengänge verfolgen, verschiedene Stränge zusammenführen und auf hohem Niveau nachdenken.

8. Talententwicklung

Frage: Unsere Teamkollegin, Sarah Mang (Künstlerin und Social-Media-Expertin) meinte einmal vor vielen Jahren, klug und provozierend, zu mir: „3 % ist Talent, der Rest ist harte Arbeit!“ Wenn wir nun Hochbegabung als ein Talent betrachten, dann reicht es demgemäß als solches nicht. Das heißt auch, dass die hochbegabte Person mit ihren Einschätzungen auch komplett daneben liegen kann, wenn sie nicht ausreichend erlerntes Wissen oder eingeübte Kompetenzen hat. Also, meine Hypothese ist: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Wie siehst du das als Expertin für Pädagogik und Hochbegabung?

Antwort: Bei Kindern lässt sich das prima beobachten. Meiner Erfahrung nach haben hochbegabte Kinder bis zum Ende des Grundschulalters einen deutlichen kognitiven Vorsprung. Sie tun sich sehr leicht damit, neues Wissen aufzunehmen und diesem etwas hinzuzufügen. Dieser Vorsprung hält etwa bis zum 12. Lebensjahr an. Dann kippt es, und dies zeigt sich an der Motivation, dem Durchhaltevermögen oder an der Langeweile. Ab diesem Zeitpunkt ist der Vorsprung einfach aufgebraucht. Damit sich das Talent entwickeln kann, muss die junge hochbegabte Person auch Ausdauer, Motivation, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz und Leistungsfreude entwickeln. Ohne diese Kompetenzen kann man dieses Talent im Grunde genommen nicht lange ausleben. Ich muss mit jedem Talent arbeiten und es entwickeln, was auch immer es ist.

Hier kommen Selbststeuerungskompetenzen ins Spiel. Bei Frustrationstoleranz stellt sich die Frage, wie sehr die hochbegabte Person in der Lage ist, sich wieder zu beruhigen, wenn sie sich über etwas geärgert hat oder auf Anhieb nicht hinbekommt. Sie sollte sich dann fragen: „Kann ich mich wieder fokussieren? Brauche ich immer jemanden, der mich bei der Selbstregulation unterstützt und mich wieder beruhigt? Brauche ich eine Ablenkung, brauche ich dafür Medien oder sogar Substanzen?“

Für die Talententwicklung braucht es viel Motivation, vor allem Selbstmotivation. Und natürlich braucht es manchmal auch ein bisschen Glück, sodass die richtigen Türen aufgehen. Es braucht die Umwelt, die richtige Bezugspersonen und einen Kontext in der Schule und bei der Arbeit, der dem Talent einen Raum gibt.

9. Die eigenen Grenzen

Frage: Wie gehen Hochbegabte mit den eigenen kognitiven Grenzen um? Wie sieht es mit ihrem Fehlermanagement aus? Wie reagieren sie, wenn sie von anderen in ihrer Entfaltung eingeschränkt werden? Wie gehen sie damit um, wenn sie spüren, etwas nicht zu können oder zu verstehen – oder wenn andere, vielleicht sogar hämisch, sie darauf hinweisen?

Antwort: Auch hier darf man nicht pauschalisieren. Wir können uns hier wieder durch Beispiele einer Antwort annähern.

Es gibt Hochbegabte, die sich erst zu einem Sachverhalt äußern, wenn sie hundertprozentige Gewissheit haben, dass ihre Äußerung vollständig und inhaltlich richtig ist. Dies kann man schon früh beobachten: Manche hochbegabte Kinder sprechen erst dann eine Fremdsprache, wenn sie das Gefühl haben, darin ausreichend oder sogar perfekt kommunizieren zu können. Sie wollen sich nicht lächerlich machen oder Schwächen zeigen. So geht es dann oft für hochbegabte Erwachsenen weiter.

Die meisten sind sich ihrer Grenzen sehr bewusst. Da passt der Verweis auf Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß, etc.“ Ich habe das für mich immer erweitert: „…und weil ich weiß, dass ich nichts weiß, weiß ich, dass ich nichts weiß.“ Das ist meine philosophische Haltung oder Herangehensweise. Doch hier kommt es wieder drauf an, wie kritikfähig die Persönlichkeit ist. Lässt sie Feedback von anderen zu? Wie geht sie damit um, wenn jemand sie auf Fehler oder auf Lücken hinweist? Kritik kann man sportlich annehmen oder auch nicht. Gelingt es jemandem, das kritische Feedback als Anregung anzunehmen, um darüber noch mehr nachzudenken oder Fehler zu verbessern? Meistens sind dies sehr analytische Menschen, die genau wissen, dass es im Grunde genommen keine Wissensgrenzen gibt, weil Wissen sich ständig erweitert, verändert oder neu entdeckt wird.

Andererseits  gibt es auch jene Hochbegabte, die sehr sensibel, also fehlersensibel, sind. Der Hinweis auf die Grenze oder den Fehler nehmen sie wie eine Fremdbewertung wahr: „Wow, da ist tatsächlich ein Fehler passiert! Wie konnte mir das passieren? Und weil dieser Fehler passiert ist, kann dieses ganze Konstrukt, dass ich angeblich so intelligent sei, nicht stimmen.“

Damit sind wir wieder bei den unterschiedlichen Persönlichkeiten und beim Imposter-Syndrom angelangt.

Hier sieht man ein KI-generiertes Bild von Sokrates mit einem Holzstab in der Hand, wie er nachdenklich in die Weite blickt. Im HIntergrund sieht man verschwommen grischiches Gebäude. Es sieht aus wie eine Fotografie von Sokrates.

"Denn von mir selbst wußte ich, daß ich gar nichts weiß, um es gerade herauszusagen, von diesen aber wußte ich doch, daß ich sie vielerlei Schönes wissend finden würde."

Platon, Apologie des Sokrates, 22d.

10. Dein Beratungsangebot

Frage: Worauf können sich erwachsene (potenzielle) Hochbegabte bei dir in der Praxis freuen? Wie und zu welchen Themen begleitetest und unterstützt du sie?

Antwort: Zum einen biete ich eine standardisierte Intelligenzdiagnostik an sowie die Potentialanalyse TOP, basierend auf der Grundlage der Persönlichkeits-System-Interaktionstheorie von Prof. em. Julius Kuhl.

Zum anderen unterstütze ich als systemische Beraterin nicht nur Hochbegabte, sondern auch Normalbegabte – denn auch sie haben großartige Talente. Demgemäß gebe ich in meiner Praxis vielen weiteren Themen einen Raum – Themen, die letztendlich alle haben können: etwa die Reflexion und Evaluierung der Vergangenheit, der Aufbau von Selbstvertrauen und Resilienz, die Vorausschau auf eine mögliche weitere Karriere, die Begleitung bei beruflichen Veränderungen oder persönlichen Wendepunkten sowie Verwirklichung der eigenen Talente.

Natürlich bringen manche Hochbegabte auch ureigene Fragen mit, wenn es um die Wahrnehmung der eigenen Persönlichkeit oder Möglichkeiten geht. Einige suchen mich gezielt auf, weil sie ihre Begabung zwar kennen, aber einen passenden Umgang damit finden wollen – sie wollen sie besser verstehen oder kämpfen mit der Akzeptanz. Andere kommen, weil sie schneller denken als der Durchschnitt und jemanden brauchen, der bei diesem schnellen Denken oder beim Themenhopping mühelos mithalten kann. Wieder andere schätzen, dass ich die große Tiefe ihrer Emotionalität ernst nehme und als Sparringspartner zur Seite stehe, ohne sie zu pathologisieren. Sie kommen eigentlich mit allen möglichen tiefsinnigen, schnellen Gedanken und Gefühlen zu mir und freuen sich, verstanden und gespiegelt zu werden sowie Unterstützung beim Zuordnen zu erhalten.

11. Deine Botschaft

Frage: Abschließend möchte ich wissen, ob du im Rahmen dieses Interviews einer hochbegabten Person oder ihrem Arbeitgeber noch etwas ans Herz legen möchtest.

Antwort: Es gibt viele hochbegabte Menschen, die sich verstecken, aber über ein spannendes Potenzial verfügen, welches sich lohnt zu entdecken. Wir haben bereits verschiedene Identifizierungshinweise besprochen. Aber die ersten Anzeichen, um hochbegabte Mitarbeiter zu entdecken, sind oft die Schnelligkeit ihrer Gedanken oder ihre auffallend kreativen Lösungsvorschläge. Wenn ein Arbeitgeber diesbezüglich eine Vermutung hat, ist es entscheidend, zuzuhören, Fragen zu stellen und nicht zu werten – aber eine solche Kommunikation wünschen sich auch die Normalbegabten.

Daran anknüpfend möchte ich ans Herz legen, das Blickfeld besonders für die zurückhaltenden hochbegabten Frauen zu erweitern, denn hier schlummert oft enormes Potenzial. Gleichzeitig lohnt es sich, genau hinzuschauen: Nicht hinter jeder Expertise oder großen Leistung steckt automatisch eine Hochbegabung. Mir sind schon einige begegnet, die mit einer vermeintlichen Hochbegabung beeindrucken oder kokettieren, es am Ende aber nicht waren. Wenn ich mit diesen Personen in die Tiefe gehe, merke ich schnell: Da hat jemand gut gelernt, wie der Laden läuft, und weiß, damit zu spielen. Es gibt also Blender, und ihnen gegenüber stehen die echten High-Performer, die nicht immer im Rampenlicht stehen und auch nicht zwangsläufig hochbegabt sein müssen.

Den Frauen allgemein, insbesondre den hochbegabten, rate ich jedoch, ihre Kompetenzen und Ideen selbstbewusster nach außen zu tragen.

Danke für den Einblick in deine Arbeit! Ich habe heute viel Neues dazu gelernt.

Kontakt mit Annette

Wenn Sie Ihr eigenes Potenzial oder das Ihrer Mitarbeiter entdecken und fördern möchten, bietet Annette Graf mit ihrer Expertise in Intelligenzdiagnostik und systemischer Beratung genau die richtige Unterstützung – kontaktieren Sie uns gerne!

Mehr erfahren? Hier geht es zum Steckbrief von Annette.

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